Oder: Petrus und die Kraft der Vergebung
Ich gebe zu: Vorgestern habe ich Fußball geschaut. Und ich gebe zu: Ich beobachte die FDP. Und als ich gestern den Computer anschaltete, um das Spiel gegen Inter Mailand zu sehen, da dachte ich, beide hätten doch einiges gemeinsam: Der FC Schalke 04 spielt – im Gegensatz zu den Bayern – in der Champions League. Und doch haben sie ihren Trainer entlassen. Eine Topmannschaft steht nun mal nicht im unteren Teil der Bundesligatabelle. Die FDP ist Koalitionspartner in der Bundesregierung. Und doch haben sie vehement den Abgang ihres Trainers – Verzeihung – Parteichefs gefordert. Und nun geht er. Das schlechte Abschneiden in der Bundesliga – Verzeihung – bei Landtagswahlen ist ja auch wirklich ein Grund.
Ich werde mich jetzt hüten, Philipp Rösler mit Ralf Rangnick zu vergleichen. Der Rangnick ist ja auch ein wenig älter als der Rösler. Aber ich stelle fest, dass unsere Gesellschaft immer mehr in Richtung Auswechslung tendiert. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wechselt man den Trainer (das ist in der Bundesliga in den letzten Wochen intensiv praktiziert worden). Wenn ich Probleme habe, dann wechsle ich den Freundeskreis. Wenn mir mein Partner nicht mehr gut tut, dann müssen wir halt getrennte Wege gehen. Aushalten ist anscheinend nicht mehr gefragt, etwas gemeinsam durchzustehen über flüssig wie ein Kropf.
Ich mag die Bibel sehr, weil sie auch zu diesem Thema etwas zu sagen hat: Petrus war der Anführer der Jünger Jesu. Er war derjenige, der absolut von seiner Treue überzeugt war. Er war der geborene Trainer. Und dann enttäuscht er Jesus maßlos, verleugnet ihn. Er rennt heulend weg und lässt den ganzen ungeordneten Haufen ohne Führung. Ganz klarer Fall für eine Entlassung. Das Management muss doch handeln! Doch Jesus tut etwas ganz Anderes: Er vergibt ihm und bekräftigt seine Aufgabe. Petrus behält seine Aufgabe trotz des gigantischen Fehlers, den er getan hat!
Nun sind in den vergangenen Jahren viele Politiker über ihre Fehler gestolpert. Oder über ihren Misserfolg. Letzteres ist vielleicht nachvollziehbar. Aber meist sind es dieselben, die vorher für den Erfolg standen. Ein Westerwelle wurde gefeiert, weil unter seiner Leitung die FDP plötzlich wieder in Landtage einzog und an Regierungen beteiligt wurde. Und jetzt ist sie zwar noch an der Regierung beteiligt, das mit den Landtagen sieht aber gar nicht mehr rosig aus. Ich bin gespannt, wer die Verantwortung übernimmt, wenn die Grünen zwei Jahren vielleicht doch nur 8% der Stimme bei der Bundestagswahl erhalten? Muss dann Cem Özdemir die Verantwortung übernehmen?
Schwieriger ist es mit den Fehlern. Ich mag mich keinesfalls zu einem Urteil aufschwingen Dass es moralisch verwerflich ist, Reisen auf Kosten von Industriekapitänen zu machen, Zitate nicht als solche zu kennzeichnen, Handwerker schwarz zu beschäftigen oder alkoholisiert Auto zu fahren ist klar. Und ob ein Rücktritt gerechtfertigt ist oder nicht, das habe ich – zum Glück! – nicht zu entscheiden.
Bei Petrus fällt mir aber auf, dass er offensichtlich gestärkt aus der ganzen Geschichte rausgeht. Jesus geht ihm nach und er zeigt ihm, dass er trotz seiner Fehler angenommen ist. Und Petrus macht auch wieder Fehler, alles andere wäre unmenschlich. Ich bin dafür, dass wir als Menschen akzeptieren, dass wir Fehler machen und sie trotzdem zu vermeiden suchen. Ich bin dafür, dass wir die befreiende Kraft der Vergebung wieder entdecken. Und ich bin dafür, dass wir – so wie Jesus bei Petrus und vielen anderen – das Gute im Menschen suchen.
Herrn Westerwelle würde ich allerdings trotzdem nicht wählen und ob ich Schalkefan werde – das sei mal noch dahingestellt.
PS: Wer sich mit Petrus beschäftigen will: